Katastrophen der Menschheit:  Flugunfall des Turkish-Airlines-Flug 981 am 03.03.1974

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Katastrophen sind keine Zufälle. Sie sind das Ergebnis einer fatalen Kette von Ereignissen, die durch menschliches und technisches Versagen ausgelöst werden. Oft sind es kleine Fehler oder Nachlässigkeiten, die sich zu einer großen Krise aufschaukeln. Manchmal sind es auch bewusste Entscheidungen oder Risiken, die sich als fatal erweisen. In jedem Fall sind Katastrophen eine Herausforderung für die Menschheit, aus ihnen zu lernen und sie zu vermeiden. Denn Katastrophen haben nicht nur materielle Folgen, sondern auch emotionale und soziale. Sie können ganze Lebenswelten zerstören und tiefe Traumata hinterlassen.

Flugunfall des Turkish-Airlines-Flug 981 am 03.03.1974

Am 3. März 1974 ereignete sich eine der schwersten Flugkatastrophen der Geschichte, als eine McDonnell Douglas DC-10 der Turkish Airlines kurz nach dem Start vom Flughafen Paris-Orly in den Wald von Ermenonville stürzte. Alle 346 Menschen an Bord kamen dabei ums Leben. Die Ursache des Absturzes war ein Konstruktionsfehler an der Frachttür, der zu einer explosiven Dekompression und zum Verlust der Flugsteuerung führte.

Der Flug

Der Flug 981 war ein Linienflug von Istanbul nach London mit einem Zwischenstopp in Paris. Die Maschine mit dem Kennzeichen TC-JAV und dem Namen Ankara war eine von zwei DC-10, die Turkish Airlines im Dezember 1972 von McDonnell Douglas gekauft hatte, nachdem die ursprüngliche Bestellerin, die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways, auf die Abnahme verzichtet hatte.

Die Maschine startete um 11:02 Uhr Ortszeit in Istanbul mit 167 Passagieren und 13 Besatzungsmitgliedern an Bord. Um 11:41 Uhr landete sie auf dem Flughafen Paris-Orly, wo 50 Passagiere ausstiegen. Für den Weiterflug nach London wurden viele zusätzliche Passagiere aufgenommen, die wegen eines Streiks bei der British European Airways (BEA) umgebucht wurden. Unter den Passagieren befanden sich auch viele Briten, die aus einem Skiurlaub in den Alpen zurückkehrten.

Um 12:32 Uhr hob die Maschine von der Startbahn 08 in Paris ab. Der Pilot erhielt vom Tower die Freigabe, auf eine Höhe von 7.000 Metern zu steigen. Um 12:40 Uhr meldete sich der Pilot zum letzten Mal beim Tower und berichtete von einem Druckverlust und einer zu hohen Geschwindigkeit. Kurz darauf brach der Funkkontakt ab und die Maschine verschwand vom Radarschirm.

Der Absturz

Was die Piloten nicht wussten, war, dass sich während des Steigflugs die hintere Frachttür an der rechten Seite des Rumpfes geöffnet hatte. Die Tür war nicht nach innen, sondern nach außen verriegelt, was eine Schwachstelle in der Konstruktion der DC-10 darstellte. Durch den hohen Luftdruck wurde die Tür aus ihrer Verankerung gerissen und fiel zu Boden.

Die Öffnung der Tür führte zu einer explosiven Dekompression im hinteren Laderaum, die einen starken Luftstrom erzeugte. Dieser riss Teile des Kabinenbodens heraus und beschädigte wichtige Kabel und Steuerseile, die unter dem Boden verliefen. Dadurch verloren die Piloten die Kontrolle über das Höhenruder, das Seitenruder und zwei Triebwerke.

Die Maschine geriet in einen steilen Sinkflug und drehte sich um ihre Längsachse. Die Passagiere erlebten schreckliche Momente des Todesangstes, als sie spürten, wie das Flugzeug immer schneller fiel und sich drehte. Einige wurden aus ihren Sitzen gerissen und durch die Kabine geschleudert.

Um 12:41 Uhr schlug die Maschine mit einer Geschwindigkeit von etwa 800 km/h in den Wald von Ermenonville ein, etwa 25 Kilometer nordöstlich von Paris. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die Maschine völlig zerfetzt wurde und ein riesiges Trümmerfeld hinterließ. Keiner der Insassen hatte eine Überlebenschance.

Die Untersuchung

Die französischen Behörden leiteten sofort eine Untersuchung des Unfalls ein. Sie konnten schnell die Frachttür als Auslöser des Unglücks identifizieren. Sie stellten fest, dass die Tür nicht ordnungsgemäß verschlossen worden war, weil das Schließsystem defekt war.

Wie sich herausstellte, war dies nicht das erste Mal, dass eine Frachttür einer DC-10 sich im Flug geöffnet hatte. Bereits im Juni 1972 war eine DC-10 der American Airlines über Windsor (Ontario) in eine ähnliche Situation geraten, konnte aber eine Notlandung in Detroit durchführen. Dabei wurden 11 Passagiere verletzt, die durch den Kabinenboden in den Laderaum gestürzt waren.

Nach diesem Vorfall hatte die US-Luftfahrtbehörde NTSB McDonnell Douglas empfohlen, das Schließsystem der Frachttüren zu verbessern. Der Hersteller gab daraufhin im Juli 1972 ein Service Bulletin heraus, das die Umrüstung der Türen vorschrieb. Allerdings war diese Maßnahme nicht verbindlich und wurde von vielen Fluggesellschaften nicht umgesetzt, darunter auch Turkish Airlines.

Die beiden DC-10, die Turkish Airlines von McDonnell Douglas erworben hatte, waren ohne die Umrüstung ausgeliefert worden. Eine davon war die Unglücksmaschine des Flugs 981.

Die Untersuchung ergab auch, dass die Piloten keine Chance hatten, das Flugzeug zu retten, nachdem die Frachttür sich geöffnet hatte. Die Zerstörung des Kabinenbodens und der Steuerkabel war so schwerwiegend, dass die Maschine unsteuerbar wurde. Die Piloten hatten keine Informationen über den Zustand der Maschine und konnten nur versuchen, sie mit den verbliebenen Triebwerken zu stabilisieren.

Die Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass der Unfall auf einen Konstruktionsfehler der DC-10 zurückzuführen war, der durch eine mangelhafte Wartung und Kontrolle der Frachttür verschärft wurde. Sie empfahl, alle DC-10 mit einem verbesserten Schließsystem auszustatten und die Sicherheitsstandards für den Betrieb von Großraumflugzeugen zu erhöhen.

Die Folgen

Der Absturz des Flugs 981 war ein schwerer Schlag für die Luftfahrtindustrie und insbesondere für McDonnell Douglas. Die DC-10 war eines der modernsten Großraumflugzeuge seiner Zeit und ein Konkurrent der Boeing 747. Der Unfall offenbarte jedoch gravierende Mängel in der Konstruktion und im Service der Maschine.

McDonnell Douglas wurde heftig kritisiert für seine Nachlässigkeit bei der Behebung des Problems mit der Frachttür. Viele Fluggesellschaften stornierten ihre Bestellungen für die DC-10 oder reduzierten ihre Flotte. Die Öffentlichkeit verlor das Vertrauen in das Flugzeug und mied es.

Der Unfall führte auch zu einer Reihe von Gerichtsverfahren gegen McDonnell Douglas, Turkish Airlines und andere Beteiligte. Die Hinterbliebenen der Opfer forderten Entschädigungen für ihren Verlust. Die Prozesse zogen sich über Jahre hinweg und endeten mit unterschiedlichen Urteilen.

Der Unfall hinterließ auch tiefe Spuren in den betroffenen Ländern. In Frankreich wurde eine Gedenkstätte im Wald von Ermenonville errichtet, wo jedes Jahr eine Gedenkfeier stattfindet. In Großbritannien wurde eine Gedenktafel in der St Paul’s Cathedral angebracht. In der Türkei wurde ein Denkmal in Ankara errichtet.

Der Absturz des Flugs 981 war eine Tragödie, die viele Menschenleben kostete und die Luftfahrtgeschichte veränderte. Er zeigte die Gefahren von technischem Versagen und menschlichem Versagen auf und mahnte zu mehr Sicherheit und Verantwortung in der Luftfahrt.

Quellen

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