Weil sie Deutsche sind – Das vergessene Massaker von Le Vert
- Januar 2026
Am 12. Juni 1944 ereignete sich im abgelegenen Waldgebiet von Le Vert nahe Meymac im französischen Département Corrèze ein Verbrechen, das jahrzehntelang im Schatten der Geschichte blieb. Inmitten der Wirren der letzten Kriegsmonate des Zweiten Weltkriegs wurden dort 47 deutsche Kriegsgefangene sowie eine französische Frau ohne Gerichtsverfahren erschossen. Die Tat wurde von Angehörigen der französischen Résistance begangen und steht bis heute exemplarisch für die moralischen Grauzonen eines brutalen Befreiungskampfes, in dem Recht und Unrecht oft untrennbar ineinandergriffen.
Der historische Kontext dieses Ereignisses ist entscheidend für das Verständnis der Tat. Nur wenige Tage zuvor, am 6. Juni 1944, waren die Alliierten in der Normandie gelandet. In ganz Frankreich intensivierten Widerstandsgruppen ihre Aktionen gegen die deutsche Besatzung. Besonders in der Corrèze, einer Hochburg der Résistance, kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, Sabotageakten und Gefangennahmen deutscher Soldaten. Die Region war geprägt von einer angespannten Atmosphäre, in der Vergeltung, Angst und Hass den Alltag bestimmten.
Die 47 deutschen Soldaten, Angehörige der Wehrmacht, waren zuvor von Einheiten der Francs-tireurs et partisans, einer kommunistisch geprägten Widerstandsorganisation, gefangen genommen worden. Unter ihnen befand sich auch eine französische Frau, die der Kollaboration mit den deutschen Besatzern beschuldigt wurde. Anstatt die Gefangenen den alliierten Streitkräften zu übergeben oder ein Verfahren einzuleiten, fiel die Entscheidung zur sofortigen Erschießung. Die Exekution erfolgte ohne Urteil, ohne Verteidigung, ohne jede Form rechtsstaatlicher Grundlage.
Augenzeuge der Tat war der damals 19-jährige Résistance-Kämpfer Edmond Réveil. Jahrzehntelang schwieg er über das Geschehen. Erst im hohen Alter, fast 80 Jahre später, brach er sein Schweigen und machte das Massaker öffentlich. Seine Aussagen lösten eine erneute historische Aufarbeitung aus und führten zu archäologischen Untersuchungen im Wald von Le Vert, wo man vermutete, dass die Opfer in einer anonymen Grube verscharrt worden waren. Bereits 1967 waren bei ersten Grabungen elf Leichen entdeckt worden, doch ein Großteil der Opfer blieb verschwunden.
Die Erschießung von Le Vert wirft bis heute unbequeme Fragen auf. Sie widerspricht dem oft idealisierten Bild der Résistance als ausschließlich moralisch überlegene Kraft. Historiker betonen, dass die Tat völkerrechtlich als Kriegsverbrechen einzustufen ist, da Kriegsgefangene unter dem Schutz internationaler Konventionen standen. Gleichzeitig verweisen sie auf die extreme Gewaltspirale jener Tage. Nur drei Tage zuvor hatte die SS-Division „Das Reich“ in Tulle 99 Zivilisten öffentlich erhängt und hunderte weitere deportiert. In diesem Klima der Vergeltung und Verzweiflung wurden Entscheidungen getroffen, die aus heutiger Sicht kaum zu rechtfertigen sind.
Die französische Frau unter den Opfern bleibt eine besonders tragische Figur. Ihr Name ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sie wurde ohne Beweise und ohne Verfahren als Kollaborateurin hingerichtet, ein Schicksal, das viele Frauen in der unmittelbaren Nachkriegszeit teilten. Ihr Tod steht symbolisch für die oft willkürliche Abrechnung mit tatsächlichen oder vermeintlichen Verrätern.
Lange Zeit wurde das Massaker von Le Vert bewusst verschwiegen. In der französischen Erinnerungskultur dominierte das Narrativ des heroischen Widerstands. Erst in den letzten Jahren setzte eine differenziertere Betrachtung ein, die auch die dunklen Kapitel der Résistance einbezieht. Die Offenlegung durch Edmond Réveil wurde von Historikern als Akt historischer Verantwortung gewertet. Sein Ziel war es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, unabhängig davon, wie schmerzhaft sie ist.
Heute bemühen sich französische und deutsche Stellen um eine würdige Aufarbeitung. Die Suche nach den sterblichen Überresten der Opfer dient nicht nur der historischen Klärung, sondern auch der Versöhnung. Das Massaker von Le Vert erinnert daran, dass Krieg selbst diejenigen korrumpiert, die glauben, auf der richtigen Seite zu stehen. Es mahnt, dass Menschlichkeit und Recht auch im Angesicht größter Grausamkeit nicht aufgegeben werden dürfen.
Quellen
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