Katastrophen der Menschheit: Zugunglück von Leipzig vom 15.05.1960

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Katastrophen sind keine Zufälle. Sie sind das Ergebnis einer fatalen Kette von Ereignissen, die durch menschliches und technisches Versagen ausgelöst werden. Oft sind es kleine Fehler oder Nachlässigkeiten, die sich zu einer großen Krise aufschaukeln. Manchmal sind es auch bewusste Entscheidungen oder Risiken, die sich als fatal erweisen. In jedem Fall sind Katastrophen eine Herausforderung für die Menschheit, aus ihnen zu lernen und sie zu vermeiden. Denn Katastrophen haben nicht nur materielle Folgen, sondern auch emotionale und soziale. Sie können ganze Lebenswelten zerstören und tiefe Traumata hinterlassen.

Der Tag, an dem die Züge kollidierten: Das Zugunglück von Leipzig 1960

Es war ein sonniger Frühlingsabend am 15. Mai 1960, als sich im Leipziger Hauptbahnhof eine Katastrophe ereignete, die das Leben von vielen Menschen für immer veränderte. Zwei Züge, der P 466 von Leipzig nach Halle und der E 237 von Halberstadt nach Bad Schandau, stießen frontal zusammen und verwandelten die Gleise in ein Trümmerfeld. Mindestens 54 Menschen starben und 240 wurden verletzt. Es war einer der schwersten Eisenbahnunfälle der Deutschen Reichsbahn nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wie konnte es zu diesem Unglück kommen? Die Ursache lag in einer Verkettung von menschlichen Fehlern und technischen Störungen. Der P 466 sollte aus Gleis 11 ausfahren, während der E 237 in Gleis 12 einfahren sollte. Dazu musste die Weiche 268 richtig gestellt werden, die dem P 466 Flankenschutz gewähren sollte. Doch diese Weiche war defekt und ließ sich nicht überwachen. Die Mitarbeiter im Stellwerk B3 suchten nach einer alternativen Fahrstraße für den E 237, die die gestörte Weiche vermied.

Die Mitarbeiter im Stellwerk W7 beschlossen, den P 466 mit einem schriftlichen Befehl am haltzeigenden Signal vorbeifahren zu lassen. Sie vergaßen aber, die folgenden Weichen 262 und 263 umzustellen, die seit der Einfahrt eines Güterzuges unverändert lagen. Ohne exakte Fahrwegprüfung gaben sie die Fahrwegsicherungsmeldung an den Fahrdienstleiter ab und dieser stimmte zu, den Zug weiterfahren zu lassen.

Der Lokführer des P 466 erhielt vorschriftswidrig beide Ausfertigungen des schriftlichen Befehls, auch diejenige, die der Zugführerin hätte übergeben werden müssen, die sich am Schluss des Zuges im Gepäckwagen aufhielt. Der Befehl war zudem mit einer falschen Uhrzeit ausgestellt, um zu verschleiern, dass er nicht vom Fahrdienstleiter unterschrieben war. Der Lokführer fuhr los und kam am haltzeigenden Signal des Stellwerks W7 zum Stehen. Er setzte seine Fahrt fort, ohne zu ahnen, dass er auf dem falschen Gleis unterwegs war.

Der E 237 näherte sich dem Leipziger Hauptbahnhof mit hoher Geschwindigkeit. Er hatte eine freie Fahrt bis zum Einfahrsignal A erhalten. Der Lokführer sah plötzlich die Lichter des entgegenkommenden Zuges und versuchte noch zu bremsen. Es war zu spät. Die beiden Züge prallten mit einem gewaltigen Krach aufeinander. Die Elektrolokomotiven E 44 053 und E 17 123 wurden ineinander geschoben und zerstört. Der Packwagen am Schluss des P 466 schob sich auf den vorletzten Personenwagen auf. Beide Wagen wurden vollständig zertrümmert. Die Stirnwand des nächsten Personenwagens wurde eingedrückt.

Die Reisenden wurden durch den Aufprall aus ihren Sitzen geschleudert oder unter Trümmern begraben.

Die Rettungskräfte waren schnell vor Ort und begannen mit der Bergung der Verletzten und Toten. Viele Passagiere waren eingeklemmt oder bewusstlos. Die Helfer mussten mit schwerem Gerät die Wagen auseinanderreißen oder aufschneiden. Die Feuerwehr löschte mehrere Brände, die durch Kurzschlüsse entstanden waren. Die Sanitäter versorgten die Verwundeten und brachten sie in Krankenhäuser oder Notunterkünfte. Die Polizei sperrte das Gelände ab und nahm die Ermittlungen auf.

Die Trauer und das Entsetzen über das Unglück waren groß. Viele Angehörige suchten verzweifelt nach ihren Lieben oder mussten ihre Identifizierung bestätigen. Die Behörden richteten eine zentrale Auskunftsstelle ein, um die Opfer zu registrieren und zu informieren. Die Presse berichtete ausführlich über das Geschehen und die Hintergründe. Die Öffentlichkeit forderte eine lückenlose Aufklärung und eine gerechte Bestrafung der Verantwortlichen.

Die rechtliche Aufarbeitung des Unfalls zog sich über mehrere Jahre hin. Die Mitarbeiter der Stellwerke B3 und W7 wurden wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeklagt. Sie gestanden ihre Fehler ein und baten um Vergebung. Sie wurden zu Haftstrafen zwischen zwei und vier Jahren verurteilt.

Der Fahrdienstleiter des Stellwerks B3 wurde freigesprochen, da er von den Manipulationen nichts gewusst hatte. Der Lokführer des P 466 wurde ebenfalls freigesprochen, da er den schriftlichen Befehl befolgt hatte. Er litt aber unter schweren Schuldgefühlen und nahm sich später das Leben.

Der Eisenbahnunfall von Leipzig war ein tragisches Ereignis, das viele Menschenleben kostete und das Vertrauen in die Sicherheit der Eisenbahn erschütterte. Er zeigte die Gefahren von menschlichem Versagen und technischem Versagen auf. Er führte zu einer Verbesserung der Sicherheitsvorschriften und der Kontrollen bei der Deutschen Reichsbahn. Er bleibt aber auch als eine Mahnung in Erinnerung, dass die Eisenbahn ein sensibles System ist, das ständiger Wachsamkeit und Sorgfalt bedarf.

Quellen:

  • Eisenbahnunfall von Leipzig – Wikipedia

  • Bahnbetriebsunfälle der DR und DB ab 1945

  • Liste von Eisenbahnunfällen in Deutschland – Wikipedia

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