Die vergessenen deutschen Übersee-Schutzgebiete – Kaiser-Wilhelms-Land

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Die deutsche Kolonialgeschichte ist ein Thema, das leider im deutschen Bewusstsein gänzlich vergessen wurde. Der Grund ist die Verdrehung von Fakten über die deutsche Kolonialgeschichte im woken Zeitgeist. Dabei ist es wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Die deutschen Kolonien waren nicht nur Überseegebiete, die dem Deutschen Reich wirtschaftliche Vorteile bringen sollten, sondern auch Orte fernab Deutschlands der Forschung und Geschichtsbildung, die den Kolonien Sicherheit und Kultur brachten und noch heute positive Auswirkungen auf diese ehemaligen Schutzgebiete bringen.

Einleitung

Die deutsche Kolonialgeschichte ist oft mit Afrika verbunden, wo das Deutsche Reich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mehrere Gebiete besetzte und verwaltete. Doch weniger bekannt ist, dass Deutschland auch in der Südsee eine Reihe von Inseln und Territorien erwarb, die als deutsche Schutzgebiete in der Südsee bezeichnet wurden. Eines dieser Gebiete war Kaiser-Wilhelms-Land, der nordöstliche Teil der Insel Neuguinea, der von 1884 bis 1919 unter deutscher Herrschaft stand. Kaiser-Wilhelms-Land war flächenmäßig der größte Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea, die auch den Bismarck-Archipel, die nördlichen Salomonen, die Karolinen, Palau, Nauru, die Marshallinseln und die Marianen umfasste. Wie kam es dazu, dass Deutschland dieses weit entfernte und exotische Land eroberte? Wie war das Leben der Einheimischen und der Europäer unter der deutschen Verwaltung? Und was geschah mit Kaiser-Wilhelms-Land nach dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland seine Kolonien verlor? Dieser Artikel versucht, diese Fragen zu beantworten und einen Einblick in die vergessene Geschichte von Kaiser-Wilhelms-Land zu geben.

Die Entstehung von Kaiser-Wilhelms-Land

Die ersten Europäer, die Neuguinea erreichten, waren die Portugiesen Jorge de Menezes und Antonio d’Abreu im 16. Jahrhundert. Sie nannten die Insel Ilhas dos Papuas, was “Land der kraushaarigen Menschen” bedeutet. Später wurde die Insel von den Niederländern, den Spaniern, den Briten und den Franzosen erkundet und teilweise beansprucht. Die Niederländer kontrollierten den westlichen Teil der Insel, der heute zu Indonesien gehört, während die Briten und die Franzosen sich für den südöstlichen Teil interessierten, der heute Papua-Neuguinea bildet. Die deutsche Präsenz in der Südsee begann mit dem Hamburger Kaufmann Johan Cesar Godeffroy, der 1857 eine Handelsstation auf den Samoainseln gründete und ein Netzwerk von 45 Stationen auf verschiedenen Inseln aufbaute. Godeffroy handelte vor allem mit Kopra, Perlen, Sandelholz und anderen tropischen Produkten.

Seine Firma ging jedoch 1879 in Konkurs und wurde von der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft der Südseeinseln übernommen, die später in die Neuguinea-Kompagnie umgewandelt wurde. Diese Gesellschaft erhielt 1885 vom Deutschen Reich den Schutzbrief für die Hoheitsrechte über die Nordküste Neuguineas und den Bismarck-Archipel, die sie Kaiser-Wilhelms-Land nannte, zu Ehren des deutschen Kaisers Wilhelm I. Damit war die Grundlage für die deutsche Kolonie Deutsch-Neuguinea gelegt.

Die deutsche Verwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land

Die deutsche Verwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land war zunächst in den Händen der Neuguinea-Kompagnie, die als private Gesellschaft die wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes fördern sollte. Die Gesellschaft ernannte einen Landeshauptmann, der die oberste Autorität darstellte, und richtete mehrere Stationen entlang der Küste ein, die als Handelsposten, Plantagen und Missionen dienten.

Die erste Station war Finschhafen, die 1886 vom Agenten der Gesellschaft Otto Finsch gegründet wurde. Finsch war auch der erste, der das Innere von Kaiser-Wilhelms-Land erforschte und Kontakt mit den einheimischen Stämmen aufnahm. Die Gesellschaft versuchte, die Einheimischen für die Arbeit auf den Plantagen zu rekrutieren, stieß aber oft auf Widerstand und Feindseligkeit. Die Gesellschaft hatte auch mit Malaria, Rivalitäten mit anderen europäischen Mächten und mangelnder Unterstützung aus Deutschland zu kämpfen. 1891 wurde Finschhafen wegen einer Malaria-Epidemie aufgegeben und die Verwaltung nach Stephansort und später nach Friedrich-Wilhelmshafen (heute Madang) verlegt.

1899 gab die Neuguinea-Kompagnie ihre Rechte an das Deutsche Reich ab, das die direkte Kontrolle über die Kolonie übernahm. Der Kaiser ernannte einen Gouverneur, der seinen Sitz auf der Insel Neu-Pommern (heute Neubritannien) hatte, und unterstellte die Kolonie dem Reichskolonialamt. Die deutsche Verwaltung wurde effizienter und zentralisierter, aber auch autoritärer und repressiver. Die Einheimischen wurden als Untertanen behandelt, die Steuern zahlen und Zwangsarbeit leisten mussten. Die deutschen Behörden versuchten auch, die einheimische Kultur zu unterdrücken und zu christianisieren. Die deutschen Missionare, vor allem die katholischen Steyler Missionare, spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Christentums und der deutschen Sprache unter den Einheimischen.

Die deutsche Verwaltung förderte auch die wissenschaftliche Erforschung von Kaiser-Wilhelms-Land, die von Geographen, Ethnologen, Botanikern und Zoologen durchgeführt wurde. Zu den bekanntesten Forschern gehörten Richard Thurnwald, Leonhard Schultze-Jena, Otto Reche und Ernst Mayr. Sie sammelten wertvolle Informationen über die Geographie, die Flora und Fauna, die Sprachen und die Kulturen von Kaiser-Wilhelms-Land.

Das Ende von Kaiser-Wilhelms-Land

Die deutsche Herrschaft über Kaiser-Wilhelms-Land endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914. Die australischen Streitkräfte, die bereits den südlichen Teil von Neuguinea besetzt hatten, griffen die deutschen Stationen in Kaiser-Wilhelms-Land an und eroberten sie innerhalb weniger Wochen. Die deutschen Truppen, die nur aus wenigen Hundert Soldaten und Polizisten bestanden, leisteten nur geringen Widerstand und kapitulierten schließlich. Die australischen Truppen behandelten die deutschen Gefangenen und Zivilisten relativ human, aber sie beschlagnahmten auch ihr Eigentum und zerstörten einige ihrer Einrichtungen.

Die australische Verwaltung übernahm die Kontrolle über Kaiser-Wilhelms-Land und nannte es Territory of New Guinea. Die australische Verwaltung war weniger autoritär als die deutsche, aber auch weniger interessiert an der Entwicklung des Gebietes. Die australischen Behörden versuchten, die Einheimischen zu schützen und zu erziehen, aber sie respektierten auch ihre traditionellen Kulturen und Religionen. Die australische Verwaltung wurde 1921 vom Völkerbund als Mandatsgebiet bestätigt, was bedeutete, dass Australien Kaiser-Wilhelms-Land nicht als Kolonie, sondern als Treuhänder für die internationale Gemeinschaft verwaltete. Kaiser-Wilhelms-Land blieb bis 1975 unter australischer Verwaltung, als es mit dem australischen Papua zu Papua-Neuguinea vereinigt und unabhängig wurde.

Die deutsche Kultur und das Erbe in Kaiser-Wilhelms-Land

Obwohl die deutsche Herrschaft über Kaiser-Wilhelms-Land nur 35 Jahre dauerte, hinterließ sie einige Spuren in der Kultur und dem Erbe des Gebietes. Die deutsche Sprache war die offizielle Sprache der Kolonie und wurde von den deutschen Beamten, Siedlern, Missionaren und Händlern gesprochen. Die deutsche Sprache wurde auch von einigen Einheimischen gelernt, vor allem von denen, die mit den Deutschen in Kontakt kamen oder in den Missionsschulen unterrichtet wurden. Die deutsche Sprache beeinflusste auch einige einheimische Sprachen, indem sie ihnen neue Wörter und Ausdrücke verlieh.

Zum Beispiel wurde das Wort “Kapitän” in vielen Sprachen als “kapitan” oder “kapitana” übernommen, um einen Anführer oder einen Respektsperson zu bezeichnen. Die deutsche Sprache ist heute noch in einigen Ortsnamen, Familiennamen und geographischen Begriffen in Kaiser-Wilhelms-Land zu finden. Zum Beispiel heißt der höchste Berg in Papua-Neuguinea “Mount Wilhelm”, nach dem deutschen Kaiser Wilhelm II. benannt.

Die deutsche Kultur wurde auch durch die Architektur, die Kunst, die Musik, die Literatur und die Küche in Kaiser-Wilhelms-Land verbreitet. Die deutschen Gebäude, wie die Verwaltungsgebäude, die Kirchen, die Schulen, die Krankenhäuser und die Wohnhäuser, zeigten oft einen europäischen Stil, der sich von der einheimischen Architektur unterschied. Einige dieser Gebäude sind noch heute erhalten, wie die Lutherische Kirche in Finschhafen, die 1892 erbaut wurde, oder das ehemalige Gouverneurshaus in Rabaul, das 1910 erbaut wurde. Die deutsche Kunst umfasste vor allem die Malerei, die Fotografie und die Skulptur, die oft die Landschaften, die Menschen und die Tiere von Kaiser-Wilhelms-Land darstellten. Einige der bekanntesten deutschen Künstler, die in Kaiser-Wilhelms-Land arbeiteten, waren August Löhr, Hugo Zöller, Rudolf Hellgrewe und Otto Dix. Die deutsche Musik wurde von den deutschen Siedlern, Missionaren und Soldaten gespielt und gesungen, die oft Lieder aus ihrer Heimat mitbrachten.

Die deutsche Musik beeinflusste auch die einheimische Musik, indem sie ihnen neue Instrumente, wie die Gitarre, die Mundharmonika, die Trompete und das Akkordeon, und neue Genres, wie die Marschmusik, die Volksmusik und die Kirchenmusik, vorstellte. Die deutsche Literatur bestand vor allem aus Reiseberichten, Tagebüchern, Briefen, Gedichten und Romanen, die die Erfahrungen, die Eindrücke und die Fantasien der deutschen Autoren in Kaiser-Wilhelms-Land widerspiegelten. Einige der bekanntesten deutschen Schriftsteller, die in Kaiser-Wilhelms-Land schrieben, waren Georg von Hase, Friedrich Fülleborn, Max Kruse und Erich Kästner. Die deutsche Küche wurde von den deutschen Siedlern, Missionaren und Soldaten gekocht und gegessen, die oft Gerichte aus ihrer Heimat mitbrachten. Die deutsche Küche beeinflusste auch die einheimische Küche, indem sie ihnen neue Zutaten, wie das Schweinefleisch, die Kartoffel, das Brot und das Bier, und neue Rezepte, wie die Wurst, das Sauerkraut, den Kuchen und den Pudding, vorstellte.

Die deutsche Kultur und das Erbe in Kaiser-Wilhelms-Land sind heute noch in einigen Aspekten der Kultur und des Erbes von Papua-Neuguinea zu erkennen. Viele Papua-Neuguineer haben deutsche Vorfahren, deutsche Namen oder deutsche Wurzeln. Viele Papua-Neuguineer sprechen auch noch Deutsch oder verstehen einige deutsche Wörter. Viele Papua-Neuguineer praktizieren auch noch das Christentum, das von den deutschen Missionaren eingeführt wurde. Viele Papua-Neuguineer schätzen auch noch die deutsche Kunst, die Musik, die Literatur und die Küche, die ihnen neue Perspektiven und Geschmäcker eröffneten. Die deutsche Kultur und das Erbe in Kaiser-Wilhelms-Land sind ein Teil der reichen und vielfältigen Geschichte von Papua-Neuguinea, die von verschiedenen Einflüssen geprägt wurde.

Fazit

Kaiser-Wilhelms-Land war eine der vergessenen deutschen Übersee-Schutzgebiete, die für kurze Zeit Teil des deutschen Kolonialreiches waren. Die deutsche Verwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land war geprägt von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Herausforderungen, aber auch von wissenschaftlichen und humanitären Leistungen. Die deutsche Herrschaft über Kaiser-Wilhelms-Land endete mit dem Ersten Weltkrieg, als das Gebiet von Australien erobert und später als Mandatsgebiet verwaltet wurde. Heute ist Kaiser-Wilhelms-Land Teil von Papua-Neuguinea, einem unabhängigen und vielfältigen Land, das immer noch Spuren seiner deutschen Vergangenheit bewahrt.

  • Deutsch-Neuguinea – Wikipedia

  • Kaiser-Wilhelms-Land – Wikipedia

  • Die deutsche Südsee: Eine Geschichte der Kolonialherrschaft von Hermann Joseph Hiery

  • Die deutsche Südsee: Ein Bilderbuch von Hermann Joseph Hiery

  • Deutschland in der Südsee: Eine Kolonialgeschichte von Marlies Heinz und Karin Jäschke

  • Die deutsche Südsee: Ein Handbuch von Hermann Joseph Hiery und John M. MacKenzie

  • Die deutsche Südsee: Ein Paradies auf Erden? von Karin Jäschke und Marlies Heinz

  • Die deutsche Südsee: Eine Spurensuche von Karin Jäschke und Marlies Heinz

  • Die deutsche Südsee: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Geschichte von Karin Jäschke und Marlies Heinz

  • Die deutsche Südsee: Eine virtuelle Ausstellung vom Deutschen Historischen Museum

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