Die vergessenen deutschen Übersee-Schutzgebiete – Kiautschou (China)

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Die deutsche Kolonialgeschichte ist ein Thema, das leider im deutschen Bewusstsein gänzlich vergessen wurde. Der Grund ist die Verdrehung von Fakten über die deutsche Kolonialgeschichte im woken Zeitgeist. Dabei ist es wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Die deutschen Kolonien waren nicht nur Überseegebiete, die dem Deutschen Reich wirtschaftliche Vorteile bringen sollten, sondern auch Orte fernab Deutschlands der Forschung und Geschichtsbildung, die den Kolonien Sicherheit und Kultur brachten und noch heute positive Auswirkungen auf diese ehemaligen Schutzgebiete bringen.

Die deutsche Kolonialgeschichte ist oft mit Afrika verbunden, wo das Deutsche Reich mehrere Gebiete besaß, die es als Schutzgebiete bezeichnete. Doch es gab auch ein deutsches Schutzgebiet in Ostasien, das heute fast vergessen ist: Kiautschou. Kiautschou war eine Bucht an der chinesischen Ostküste, die von 1898 bis 1914 vom Kaiserreich China an das Deutsche Kaiserreich verpachtet wurde. Die Hauptstadt war Tsingtau, das heute als Qingdao bekannt ist. Kiautschou war für das Deutsche Reich ein wichtiger Flottenstützpunkt, Handelsplatz und Experimentierfeld für eine moderne Stadtentwicklung. Doch wie kam es zu dieser deutschen Präsenz in China? Wie gestaltete sich das Leben in Kiautschou? Und wie endete das deutsche Abenteuer in Ostasien?

Die Besetzung der Bucht

Der Anlass für die deutsche Expansion nach China war die Ermordung zweier deutscher Missionare im November 1897 in der Provinz Shandong. Das Deutsche Reich nutzte diesen Vorfall, um von der schwachen chinesischen Regierung politische und wirtschaftliche Zugeständnisse zu erpressen. Am 14. November 1897 besetzten deutsche Kriegsschiffe die Bucht von Kiautschou, die strategisch günstig an der Südspitze der Shandong-Halbinsel lag. Die Bucht bot einen natürlichen Hafen, der vor den häufigen Taifunen geschützt war. Die Deutschen verlangten von China, ihnen die Bucht für 99 Jahre zu verpachten, sowie ein Einflussgebiet in der Provinz Shandong zu gewähren. China hatte keine andere Wahl, als dem deutschen Ultimatum nachzugeben. Am 6. März 1898 wurde der Pachtvertrag unterzeichnet, der das Deutsche Reich zum Herrn über Kiautschou machte.

Der deutsche Pachthafen

Die Deutschen machten sich schnell daran, aus der Bucht von Kiautschou einen modernen Pachthafen zu machen. Sie errichteten eine Verwaltung, eine Polizei, eine Justiz, eine Post, eine Schule, ein Krankenhaus und eine Kirche. Sie bauten eine Eisenbahnlinie, die Tsingtau mit dem Hinterland verband, sowie eine Telegraphenverbindung nach Deutschland. Sie legten einen neuen Hafen an, der zu einem der größten und leistungsfähigsten in Ostasien wurde. Sie gründeten eine Brauerei, die das berühmte Tsingtauer Bier produzierte, sowie eine Werft, eine Zementfabrik, eine Papierfabrik und eine Baumwollspinnerei. Sie förderten den Handel mit China und anderen Ländern, indem sie niedrige Zölle und Steuern erhoben. Sie schufen eine eigene Währung, den Kiautschou-Dollar, der an den mexikanischen Peso gekoppelt war. Sie luden auch andere Ausländer ein, sich in Kiautschou niederzulassen, vor allem Japaner, Briten, Amerikaner und Franzosen.

Die Stadt Tsingtau wurde in zwei Teile geteilt: das Europäerviertel und das Chinesenviertel. Das Europäerviertel wurde im wilhelminischen Baustil erbaut, mit prächtigen Villen, breiten Straßen, gepflegten Gärten und öffentlichen Plätzen. Das Chinesenviertel wurde im lokalen Stil bebaut, mit engen Gassen, einfachen Häusern und bunten Märkten. Für die Chinesen in Tsingtau galt eine eigene Ordnung, die sie von den Europäern trennte. Die Deutschen sahen sich als die Herren von Kiautschou, die den Chinesen Zivilisation und Fortschritt bringen sollten.

Der Erste Weltkrieg

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 bedeutete das Ende des deutschen Schutzgebiets in Kiautschou. Die Deutschen waren in Ostasien isoliert und von ihren Feinden umzingelt. Die wichtigsten Gegner waren die Japaner, die sich auf die Seite der Entente gestellt hatten, und die Briten, die ihre Kolonien in Indien und Hongkong mobilisierten. Die Japaner und die Briten erklärten dem Deutschen Reich den Krieg und forderten die Übergabe von Kiautschou. Die Deutschen lehnten ab und bereiteten sich auf die Verteidigung vor. Sie hatten etwa 4000 Soldaten, 1000 Polizisten, 5000 Freiwillige und 21 Kriegsschiffe zur Verfügung. Sie bauten Befestigungen, Minenfelder und Geschützstellungen rund um die Bucht. Sie hofften, die Belagerung so lange wie möglich auszuhalten, bis Verstärkung aus Deutschland oder eine diplomatische Lösung kam.

Die Japaner und die Briten begannen am 27. August 1914 mit der Blockade von Kiautschou. Sie hatten eine überwältigende Übermacht von etwa 60.000 Soldaten, 2000 Polizisten, 10.000 Freiwilligen und 66 Kriegsschiffen. Sie landeten Truppen an verschiedenen Punkten der Küste und rückten langsam auf Tsingtau vor. Sie beschossen die deutschen Stellungen mit schwerer Artillerie und Flugzeugen. Die Deutschen leisteten erbitterten Widerstand und fügten den Angreifern hohe Verluste zu. Sie versuchten auch, auszubrechen und die Belagerung zu durchbrechen, aber ohne Erfolg. Die Lage der Deutschen wurde immer aussichtsloser, da sie an Munition, Lebensmitteln und Wasser mangelten. Am 7. November 1914 kapitulierte der deutsche Gouverneur Alfred Meyer-Waldeck und übergab Kiautschou an die Japaner. Damit endete die deutsche Herrschaft in Ostasien nach 16 Jahren.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Kiautschou offiziell an China zurückgegeben, aber faktisch blieb es unter japanischer Kontrolle. Die Japaner nutzten Kiautschou als Basis für ihre weitere Expansion in China. Sie bauten die Stadt Tsingtau weiter aus und machten sie zu einem Zentrum der Industrie, des Handels und der Kultur. Sie förderten auch die chinesische Bildung und Kultur, um die Chinesen für sich zu gewinnen. Die Chinesen in Kiautschou erlebten eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des kulturellen Wandels. Viele von ihnen übernahmen japanische Sitten und Gewohnheiten, lernten die japanische Sprache und arbeiteten für die Japaner. Andere Chinesen leisteten Widerstand gegen die japanische Herrschaft und schlossen sich der chinesischen Nationalbewegung an. Sie forderten die Rückgabe von Kiautschou an China und die Achtung der chinesischen Souveränität.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Kiautschou zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Japan und den Alliierten. Die Japaner verteidigten Kiautschou gegen die Angriffe der Amerikaner, die die Stadt mehrmals bombardierten. Die Chinesen in Kiautschou litten unter der japanischen Besatzung, die immer brutaler und repressiver wurde. Sie wurden zu Zwangsarbeit, Hunger, Folter und Massakern gezwungen. Viele von ihnen flohen aus der Stadt oder schlossen sich dem chinesischen Widerstand an. Am 15. August 1945 kapitulierten die Japaner und gaben Kiautschou an China zurück. Damit endete die ausländische Herrschaft in Kiautschou.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kiautschou

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