Verstoßen, verfolgt, verbannt – Moderner Hexenwahn in Ghana und das Leben in den Hexencamps
- Januar 2026
Der Glaube an Hexerei gilt in vielen Teilen der Welt als Relikt vergangener Jahrhunderte. Doch in den 2020er-Jahren zeigt sich, dass moderner Hexenwahn keineswegs überwunden ist. Besonders in Ghana, einem westafrikanischen Staat mit stabilen demokratischen Strukturen, erleben hunderte Frauen eine Realität, die von Angst, Gewalt und sozialer Ausgrenzung geprägt ist. Sie fliehen vor Angriffen aus ihren Heimatdörfern und finden Zuflucht in sogenannten Hexencamps – Orte, die zugleich Schutzraum und lebenslange Internierung bedeuten.
In Ghana ist der Glaube an übernatürliche Kräfte tief in der Gesellschaft verwurzelt. Krankheit, Tod, Missernten oder familiäre Konflikte werden häufig nicht als zufällige oder medizinisch erklärbare Ereignisse verstanden, sondern als Ergebnis von Hexerei interpretiert. Besonders ältere Frauen, Witwen oder sozial isolierte Personen geraten schnell unter Verdacht. Ein Gerücht, ein Traum oder eine Anschuldigung aus dem familiären Umfeld kann ausreichen, um eine Frau zur vermeintlichen Hexe zu erklären. Die Folgen sind oft brutal: öffentliche Demütigungen, körperliche Angriffe, Brandstiftung oder Morddrohungen zwingen viele Betroffene zur Flucht.
In den nördlichen Regionen Ghanas existieren seit Jahrzehnten sogenannte Hexencamps. Orte wie Gambaga, Kukuo, Gnani oder Kpatinga dienen als letzte Zuflucht für Frauen, die aus ihren Gemeinden verstoßen wurden. Diese Camps sind keine staatlich organisierten Einrichtungen, sondern informelle Siedlungen, die meist unter der Aufsicht traditioneller Autoritäten stehen. Für viele Frauen bedeutet der Aufenthalt dort lebenslanges Exil. Eine Rückkehr in ihre Herkunftsdörfer ist selten möglich, da der soziale Makel der Hexenbeschuldigung dauerhaft bestehen bleibt.
Das Leben in den Hexencamps ist von Armut und Unsicherheit geprägt. Die Frauen leben in einfachen Lehmhütten, haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, sauberem Wasser oder ausreichender Ernährung. Viele sind gesundheitlich angeschlagen, leiden unter Traumata und haben keinerlei Einkommensmöglichkeiten. Dennoch bieten die Camps einen gewissen Schutz vor weiterer Gewalt. Innerhalb dieser Gemeinschaften entsteht eine fragile Solidarität unter den Betroffenen, die gemeinsam versuchen, ihren Alltag zu bewältigen.
Internationale Organisationen und Menschenrechtsgruppen kritisieren diese Zustände seit Jahren. Amnesty International dokumentierte in mehreren Berichten massive Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Hexenbeschuldigungen in Ghana. Die Organisation spricht von systematischem Versagen staatlicher Stellen, die Betroffenen zu schützen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Zwar existieren gesetzliche Grundlagen, die Gewalt und Diskriminierung verbieten, doch in der Praxis greifen Polizei und Justiz oft nicht ein oder betrachten die Vorfälle als kulturelle Angelegenheiten.
Auch journalistische Analysen, unter anderem von The Conversation, weisen darauf hin, dass moderner Hexenwahn nicht isoliert betrachtet werden darf. Er ist eng verknüpft mit Armut, mangelnder Bildung, patriarchalen Strukturen und fehlender sozialer Absicherung. Frauen ohne familiären Rückhalt sind besonders gefährdet, da sie kaum Möglichkeiten haben, sich gegen Anschuldigungen zu verteidigen. Gleichzeitig verstärken religiöse und traditionelle Autoritäten in manchen Regionen den Glauben an Hexerei, anstatt ihn kritisch zu hinterfragen.
In den letzten Jahren gab es politische Initiativen, um die Situation zu verbessern. Die ghanaische Regierung kündigte mehrfach an, die Hexencamps schließen und die Frauen in ihre Gemeinden reintegrieren zu wollen. Menschenrechtsorganisationen warnen jedoch davor, diese Maßnahmen ohne umfassende Aufklärung und Schutzkonzepte umzusetzen. Ohne gesellschaftlichen Wandel droht den Rückkehrerinnen erneut Gewalt. Nachhaltige Lösungen erfordern Bildungsprogramme, rechtliche Durchsetzung und soziale Unterstützung, um den Kreislauf aus Angst und Ausgrenzung zu durchbrechen.
Der moderne Hexenwahn in Ghana zeigt, dass Aberglaube und Gewalt auch im 21. Jahrhundert reale Konsequenzen haben. Die Existenz der Hexencamps ist ein Mahnmal dafür, wie tief verwurzelte Überzeugungen Menschen entrechten können. Solange Frauen aus Angst um ihr Leben fliehen müssen, bleibt der Kampf gegen Hexenverfolgung eine dringende menschenrechtliche Aufgabe.
Quellen
Al Jazeera – Accused, shunned, exiled: The women banished to Ghana’s ‘witch camps’ Aljazeera
Amnesty International – Ghana: Hundreds accused of witchcraft urgently need protection and reparation Amnesty International
More to Her Story – Accused of Witchcraft, Women in Northern Ghana Live in Exile moretoherstory.com
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