Vergessene Genozide – Jugoslawienkrieg – das Massaker von Ahmići

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Genozide sind die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die je begangen wurden. Sie zeugen von Hass, Intoleranz und Grausamkeit gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen, die aufgrund ihrer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Zugehörigkeit verfolgt und vernichtet werden sollen. Doch nicht alle Genozide sind gleich bekannt oder anerkannt. Viele von ihnen sind vergessen oder verdrängt worden, sowohl von den Tätern als auch von der Weltöffentlichkeit. In dieser Artikelreihe wollen wir einige dieser vergessenen Genozide vorstellen und ihre Ursachen, Folgen und Aufarbeitung beleuchten.

Das Massaker von Ahmići war eines der schlimmsten Kriegsverbrechen während des kroatisch-bosniakischen Krieges innerhalb des Bosnienkrieges. Es war der Höhepunkt der ethnischen Säuberungen im Lašva-Tal seitens der politischen und militärischen Führung der kroatischen Republik Herceg-Bosna an Bosniaken im April 1993. In Ahmići, einem Dorf in der Gemeinde Vitez in Bosnien und Herzegowina, wurden bei dem Massaker am 16. April 1993 zwischen 117 und 120 bosnische Muslime überwiegend von bosnisch-kroatischen Soldaten des Hrvatsko vijeće obrane (HVO) getötet, darunter auch zahlreiche Frauen und Kinder1.

Hintergrund

Als der Jugoslawienkrieg 1992 Bosnien und Herzegowina erreichte, beschlossen die bosnisch-kroatischen Führer, unterstützt durch die Kroaten aus der Herzegowina und besonders durch das kroatische Verteidigungsministerium in Zagreb, einen separaten Staat innerhalb Bosnien und Herzegowinas zu errichten und später an Kroatien anzuschließen, um so ein Großkroatien zu schaffen. Am 3. April 1993 traf sich die bosnisch-kroatische Führung in Mostar, um die Umsetzung des Vance-Owen-Planes zu diskutieren und dabei die Schaffung dieses Staates unter dem Namen Kroatische Republik Herceg-Bosna voranzutreiben. Pläne wurden entwickelt, um in Übereinstimmung mit dem Friedensplan der amerikanischen und britischen Unterhändler, Cyrus Vance und David Owen Territorien zu annektieren1.

Das Lašva-Tal war eine strategisch wichtige Region für die kroatischen Ambitionen, da es eine Verbindung zwischen den kroatisch dominierten Gebieten im Süden und Westen Bosnien und Herzegowinas darstellte. Die Region war jedoch mehrheitlich von Bosniaken bewohnt, die sich dem kroatischen Projekt widersetzten. Um die Kontrolle über das Lašva-Tal zu erlangen, begannen die kroatischen Kräfte eine systematische Kampagne der Vertreibung, Einschüchterung, Zerstörung und Ermordung der bosniakischen Bevölkerung1.

Verlauf des bosnisch-kroatischen Angriffs

Am Morgen des 16. April 1993 starteten die kroatischen Einheiten einen koordinierten Angriff auf mehrere bosniakische Dörfer im Lašva-Tal, darunter Ahmići. Der Angriff wurde von einer Kompanie des IV. Bataillons der HVO-Militärpolizei durchgeführt; gemeinsam mit der aus etwa 30 Mann bestehenden und im Januar 1993 gegründeten Antiterroreinheit „Jokery“ (transliteriert auch Džokeri) des IV. Bataillons der HVO-Militärpolizei, deren Mitglieder teilweise schwarze Uniformen getragen haben sollen. Daneben waren an dem Angriff die Spezialeinheit Vitezovi („Die Ritter“) sowie die Viteška-Brigade aus Vitez, die Nikola-Šubić-Zrinski-Brigade aus Busovača und Einheiten der Heimwehr beteiligt. Zudem sollen auch zahlreiche Angehörige der kroatischen Armee, sowie mehrere kroatische Bewohner aus Ahmići und den umliegenden Dörfern an den Angriffen beteiligt gewesen sein1.

Die Angreifer umzingelten das Dorf und begannen mit schweren Waffen das Feuer zu eröffnen. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, und setzten Häuser und Moscheen in Brand. Die bosniakischen Zivilisten, die versuchten zu fliehen oder sich zu verstecken, wurden gnadenlos gejagt und getötet. Viele wurden in ihren Häusern lebendig verbrannt oder mit Messern und Äxten abgeschlachtet. Einige wurden gefoltert oder verstümmelt, bevor sie getötet wurden. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt oder auf Müllhalden geworfen12.

Das Massaker dauerte mehrere Stunden, bis die kroatischen Einheiten das Dorf vollständig zerstört hatten. Die wenigen Überlebenden flohen in die umliegenden Wälder oder suchten Schutz bei den UN-Soldaten, die in der Nähe stationiert waren. Die UN-Soldaten waren jedoch machtlos, um das Massaker zu verhindern oder zu stoppen, da sie von den kroatischen Kräften bedroht und behindert wurden12.

Politische Reaktionen und Folgen

Das Massaker von Ahmići schockierte die internationale Gemeinschaft und löste eine Welle der Empörung und Verurteilung aus. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete am 20. April 1993 die Resolution 819, in der er das Massaker als „abscheuliches Verbrechen“ bezeichnete und die kroatischen Kräfte aufforderte, die ethnischen Säuberungen im Lašva-Tal zu beenden und den Zugang für humanitäre Hilfe zu gewähren3. Der damalige britische Premierminister John Major nannte das Massaker „ein abscheuliches Beispiel für ethnische Säuberung“ und forderte eine stärkere internationale Intervention in Bosnien und Herzegowina4.

Das Massaker von Ahmići war auch ein Wendepunkt im bosnisch-kroatischen Krieg, da es die Spannungen zwischen den beiden Parteien verschärfte und die Aussichten auf eine friedliche Lösung verringerte. Der Krieg dauerte bis zum Washingtoner Abkommen im März 1994 an, das einen Waffenstillstand und die Bildung einer Föderation zwischen Bosniaken und Kroaten vorsah1.

Das Massaker von Ahmići wurde auch vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag verhandelt, der mehrere Urteile gegen damalige Politiker und Militärs der Kroaten in Bosnien und Herzegowina aussprach. Darunter der für Zentralbosnien verantwortliche Politiker Dario Kordić (25 Jahre, Mitte 2014 freigelassen), 12 der Kommandeur des IV. Bataillons Paško Ljubičić (10 Jahre), der Kommandeur der 1. Kompanie des IV. Bataillons Vladimir Santić (18 Jahre, vorzeitig entlassen 2009), der Soldat der Antiterroreinheit „Jokery“ des IV. Bataillons Miroslav Bralo (20 Jahre) und der HVO-Soldat aus Ahmići Drago Josipović (12 Jahre). Daneben wird der wegen Kriegsverbrechen verurteilte Kommandant und spätere General des HVO Tihomir Blaškić mit dem Massaker in Verbindung gebracht1.

Das Massaker von Ahmići bleibt bis heute ein Symbol für das Leid und die Grausamkeit des Bosnienkrieges. Es ist auch ein Mahnmal für die Notwendigkeit, die Wahrheit über die Vergangenheit aufzudecken, die Gerechtigkeit für die Opfer zu suchen und die Versöhnung zwischen den Völkern zu fördern.

Quellen

1: Massaker von Ahmići – Wikipedia 2: Massaker von Ahmići – Wikiwand 3: Resolution 819 (1993) – UN Documents: Gathering a body of global agreements) 4: Ahmići massacre – Wikipedia

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