Katastrophen der Menschheit:  Zugunglück von Radevormwald am 27.05.1971

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Katastrophen geschehen nicht einfach. Sie sind meist eine Verwicklung von unglücklichen Umständen, von menschlichen und technischen Einwirkungen. Wie in diesem Fall. Unzureichende Zugtechnik auf dem Stand der Zeit, missverständliche Anweisungen, mangelnde Sicherheitstechnik und ein verwirrter Zugführer führten zum größten Zugunglück der Deutschen Bundesbahn, das 46 Menschenleben kostete. Die Überlebenden leiden noch heute unter dem Überlebenssyndrom und sind für den Rest ihres Lebens traumatisiert.

Ausgangslage

Die Stadt Radevormwald liegt im Bergischen/NRW. Eine wunderschöne Gegend.  Angeschlossen ist diese hübsch anzusehende Stadt an die Wuppertalbahn, die Strecke wird noch heute bedient. Diese Bahnstrecke fährt von Wuppertal – Remscheid.

Das Unglück ereignete sich im Jahre 1971, so dass die Zugsicherungstechnik auch auf dem Stand von 1971 war; dies muss berücksichtigt werden. In den Bahnen gab es z. B. keinen Sprechfunk.

Der betreffende Bahnhof Dahlerau besaß zum Zeitpunkt des Unglücks kein Ausfahrtsignal (!), welches die folgende Strecke abgesicherte – oder übereifrige Züge nach aufhalten konnte. Vielmehr musste der Zugführer am Signal Halt warten, bis ihm vom Fahrdienstleiter eine andere Anweisung mittels Streckentelefon gegeben wurde – diese Tatsache ist später wichtig.

An diesem unglücklichen Tag kamen mehrere Ereignisse zusammen, die gemeinsam zum Tod von Jugendlichen führten. Weder der Fahrdienstleiter von Dahlerau, der das nicht mehr abwendbare Unglück noch im Rahmen seiner Fähigkeiten verhindern wollte, noch der Zugführer, der von den sich widersprechenden Anweisungen (Halten am Haltesignal oder jetzt doch weiterfahren?) verwirrt wurde und abfuhr, traf eine Schuld.

Der Ablauf

Der 21.05.1971 muss ein wunderbarer Tag für zwei Abschlussklassen der Hauptschule Radevormwald gewesen sein, denn die 71 Schüler mit ihren Lehrern fuhren zu einem Tagesausflug nach Bremen. Die Schüler freuten sich auf diesen letzten gemeinsamen Ausflug, bevor nach der Zeugnisausgabe der Ernst des Lebens begann.

Zum Anlass des Ausfluges wurde ein Sonderzug genutzt. Nach einem Tag in Bremen erfolgte die Rückfahrt nach Radevormwald mit 30 Minuten Verspätung, was eigentlich kein Problem darstellen sollte.

Das Unglück

Die Bahnstrecke der Wuppertalbahn ist eingleisig. Im Bahnhof Dahlerau sollte ein Güterzug, der eigentlich jetzt das Gleis nutzen sollte, warten, bis der Sonderzug im Bahnhof eintrifft. Dies hatten allerdings die Fahrdienstleiter von Dahlerau und Beyenburg unter sich vereinbart; der Zugführer wurde über den Grund des Wartens nicht informiert.

Der Fahrdienstleiter fand, dass er auch keine Information weitergeben musste, da der Güterzug laut Vorschrift am Haltesignal warten musste, bis der Fahrdienstleiter die Weiterfahrt mittels Streckentelefon angeordnet hatte.

Anzumerken an dieser Stelle noch, dass Zugkreuzungen an diesem Bahnhof nie vorkamen. Hätte der Sonderzug keine Verspätung gehabt, wäre es zu diesem Unglück nicht gekommen.

Der Lokführer des Güterzuges wartete gegen 21.00 h am Haltesignal im Bahnhof und wartete dort auf den Befehl zum Ausfahren, als der Fahrdienstleiter mit seine Keller – laut Zugführer – die Weiterfahrt befahl. Dies war absolut unüblich, so dass der Lokführer verwirrt wurde.

Laut Fahrdienstleiter zeigte er allerdings das Halt in Rot für Dauerhalt. Der Güterzug fuhr an und fuhr nunmehr als Geisterfahrer auf der Strecke dem Sonderzug entgegen.

Es konnte nie geklärt werden, welches Signal der FDL letztendlich dem Zugführer zeigte, da sich die Aussagen hierzu widersprachen. Auch konnte er nicht erklären, weshalb er überhaupt mit der Kelle zum Bahnsteig eilte.

Der FDL rief den nachfolgenden Bahnhof an, um den Geisterzug zu stoppen; doch dieser passierte den Bahnhof gerade. Es gab keinen Sprechfunk in den Zügen. In seiner Not wählte der FDL den Notruf, um eine Katastrophe anzukündigen.

800 Meter hinter dem Bahnhof Dahlerau stießen die beiden Züge zusammen, wobei der Sonderzug der auftreffenden Wucht des Güterzuges nicht entgegenzusetzen hatte. Der Sonderzug wurde auf einer Länge von 100 Metern zusammengedrückt.

Glück für die Opfer, dass der Rettungsdienst bereits informiert war und nur wenige Minuten später am Unglücksort eintraf. Nachbarn, aufgeschreckt vom höllischen Lärm des Zusammenstoßes der Züge, eilten den steilen Hang zur Strecke hinunter, um den Überlebenden zu helfen. Die Rettungsarbeiten erwiesen sich als sehr widrig, da der Ort im unzugänglichen Gebiet lag.

Die Opfer mussten einen steilen Hang hoch gehievt werden, unter der Strecke fließt die Wupper, so dass es nur diesen Weg gab.

Nach diesem Unglück erhielten alle Züge der Deutschen Bundesbahn Sprechfunk. Alle Bahnhöfe wurden als Lehre aus diesem Unglück mit Ausfahrtsignalen ausgestattet.

Die Opfer dieses Unglückes wurden auf dem Friedhof von Radevormwald in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Später wurde ein Ehrenmal für die Opfer an dieser Stelle errichtet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenbahnunfall_von_Radevormwald

https://de.wikipedia.org/wiki/Wuppertalbahn

jeweils abgerufen am 17.12.2022